Presse, Neuigkeiten

Pressegespräch Corona-Pandemie

Lageeinschätzung am 23. April

Interviewpartner

  • Prof. Dr. med. Martin Bentz, Klinikdirektor Medizinische Klinik III
  • Prof. Dr. med. Michael Berner, Direktor der Klinik für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin
  • Meike Bottlender, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
  • Elvira Schneider, Pflegedirektorin
     

Themenschwerpunkte

  • Einschätzung zur Lage bundesweit
  • Einschätzung zur Lage in der Region
  • Aktuelle Situation im Klinikum Karlsruhe
  • Lage in den Psychiatrischen Kliniken des Klinikums
     

Einschätzung zur Lage bundesweit

Aufgrund der anhaltend hohen Fallzahlen und des aktuell beschleunigten Wiederanstiegs der Inzidenz schätzt das Robert-Koch-Institut in seinem Situationsbericht vom 22. April die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland unverändert als sehr hoch ein. Die hohen bundesweiten Fallzahlen werden durch zumeist diffuse Geschehen mit zahlreichen Häufungen insbesondere in Haushalten, im beruflichen Umfeld sowie in Kitas und Horteinrichtungen verursacht.

Der 7-Tage-R-Wert pendelt derzeit um 1. Die COVID-19-Fallzahlen stiegen in den vergangenen Wochen in allen Altersgruppen an, wobei besonders die Zunahme bei Kindern und Jugendlichen auffällt. Auch bei den über 80-Jährigen gehen die Fallzahlen wieder nach oben.

Der Positivenanteil der Testungen nimmt wieder zu und liegt aktuell bei über 12 Prozent.  Die britische Variante VOC B.1.1.7 ist in Deutschland weiterhin der vorherrschende COVID-19-Erreger. Alle Impfstoffe, die aktuell in Deutschland zur Verfügung stehen, schützen nach derzeitigen Erkenntnissen sehr gut vor einer Erkrankung durch VOC B.1.1.7.

Am 22. April wurden dem RKI insgesamt 27.543 Neuinfektionen gemeldet. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz steigt weiter an und liegt bei 164,0. Die Zahl der gemeldeten neuen Todesfälle in Zusammenhang mit einer COVID 19-Erkrankung lag bei 265.

Einschätzung der Lage in der Region und im Klinikum Karlsruhe

In den vergangenen Tagen stagnierte der Anstieg der Infektionen auf einem sehr hohen Niveau. Ungefähr 20 Prozent der Neuinfektionen sind inzwischen auf Kinder und Jugendliche zurückzuführen. Die 7-Tage-Inzidenz liegt in Karlsruhe Stadt bei 146,4 und im Landkreis Karlsruhe bei 160,4 (Stand 23.04.2021).

Corona-Portal Karlsruhe

Städtisches Klinikum Karlsruhe befindet sich weiterhin in der Pandemiestufe 3

Die Auslastung des Städtischen Klinikums im Bereich der COVID-Versorgung ist noch weiter gestiegen. Die Bettenzahl auf der Intensivstation wird ab dem Wochenende auf 14 aufgestockt mit der Option auf eine weitere Anpassung. Aufgrund der begrenzten personellen Ressourcen kommt es im non-COVID-Bereich zu weiteren Einschränkungen. Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit schweren Erkrankungen wie Schlaganfällen, Herzinfarkten oder onkologische Erkrankungen ist im Klinikum Karlsruhe weiterhin sichergestellt.

Die aktuell vorliegenden positiven Testergebnisse zeigen fast ausschließlich eine Infektion mit der britischen Variante.

Auch in dieser Woche zeichnet sich noch keine Entspannung bei den Intensivkapazitäten im non-COVID-Bereich der Intensivstationen ab.

Tagesaktuelle Situation im Klinikum Karlsruhe

Aktuelle Fallzahlen im Klinikum

Aktuelle Personalsituation

Derzeit sind 17 Mitarbeitende im Klinikum Karlsruhe positiv auf SARS-CoV-2 getestet und unterliegen einem durch das Gesundheitsamt erteilten Beschäftigungsverbot.

Im Bereich des Pflege- und Funktionsdienstes fallen aktuell insgesamt rund 155 Mitarbeitende durch Krankheit, Quarantäne oder Beschäftigungsverbot aus. Davon befinden sich 49 Mitarbeitende in Quarantäne oder im Beschäftigungsverbot.

Lage in den Psychiatrischen Kliniken

Ein Aspekt der Corona-Krise sind die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche. Psychische Erkrankungen sind in hohem Maß Krankheiten der Stressverarbeitung. Während die derzeitige Gesamtsituation bei vielen Menschen in Beruf und Familie für Stress sorgt, sind viele Dinge, die dem Stressabbau dienen, wegen der Einschränkungen nicht möglich.

Zwar ist die Auslastung in der Klinik für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie absolut gesehen hoch wie immer. Es befinden sich momentan aber vermehrt chronisch schwerer Erkrankte und Notfälle in den Kliniken. Gleichzeitig wagen viele andere Betroffene aktuell nicht den Schritt in die Klinik. Zudem beobachten wir unter Erwachsenen eine Zunahme der Suizidalität. Alle Patienten, die als Notfall in die Ambulanz kommen, werden auch in der jetzigen Situation, wenn nach ärztlicher Einschätzung sinnvoll, aufgenommen.

Die Pandemie erschwert die Behandlung. Es mussten Gruppen reduziert und Therapien angepasst werden. In der Behandlung von Kindern und Jugendlichen sind Gruppenangebote z.B. für Eltern nur eingeschränkt möglich. Ein erfolgreicher Abschluss der Therapie ist auch deshalb erschwert, weil die Patienten nicht in ein normales Umfeld mit seinen positiven Erlebnissen entlassen werden können.

Gerade Kinder und Jugendliche sind betroffen. Nach der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) litt ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie fast jedes dritte Kind unter psychischen Auffälligkeiten. Für diejenigen, die ohnehin unter psychischen Problemen leiden, kommt die Pandemie erschwerend hinzu. Vieles, was Spaß macht, fällt weg, was auch Druck in die Familien bringt. Das Home-schooling überfordert viele Eltern, gerade bei den Kindern, die ohnehin Probleme mit dem Lernen haben. Die Reintegration in die Heimatschulen ist zurzeit schwierig, dabei haben viele junge Patienten schulische Probleme.

Wir sind unseren Mitarbeitern in dieser Situation sehr dankbar. Wir sind alle von der Pandemie in unterschiedlichem Ausmaß betroffen und müssen unseren persönlichen Umgang mit der Situation finden, ob als Patient, Mitarbeiter oder Besucher dieses Klinikums. Wir stehen zu unserem gesellschaftlichen Auftrag der medizinischen Versorgung der Bevölkerung – ob stationär, teilstationär und ambulant.

Autor: Oliver Stilz